Back to the Roots: Alte Wählscheibentelefone reaktivieren

Sie finden sich auf jedem Flohmarkt, zu Dutzenden auf eBay und Co. Sie haben eine aktive Liebhabergemeinde, haben den wunderbar-beamtendeutsch klingenden Offizialnamen Fernsprechtischapparat („FeTAp“) und kommen in Farben wie quietschigem 70s-Orange oder würdevollem Amtsstuben-Olivgrün. Alte Wählscheibentelefone sind Kult – aber wer sie heute noch nutzen will, muss ein paar Umwege gehen und braucht Ersatzteile. Wie es geht, zeigt der folgende Ratgeber.

1. Warum sie nicht mehr klappen

In vielen Wohnungen gehört heute noch eine TAE-Telefondose an der Wand zur Einrichtung dazu – nicht selten sogar von der Router-Modem-Kombination aktiv benutzt. Warum kann man dort nicht einfach den alten Apparat einstecken und loslegen? Ganz einfach: Die Technik hinter den Wählscheibentelefonen ist das sogenannte Impulswahlverfahren IWV. Eine echte Uralt-Analogtechnik, bei der jeder Ziffer auf der Wählscheibe, abhängig davon, wie lange die Scheibe nach dem Wählen zurück-rotiert, ein kleiner Stromimpuls zugeordnet ist. Bei der „1“ ist das ein 100 Millisekunden-Impuls, bei der „0“ dauert er 1000ms. Und vom Impulswahlverfahren werden derzeit die letzten Überbleibsel bei der Telekom beerdigt. Telefonie erfolgt künftig ausschließlich via VOIP – und das beherrscht kein Analogtelefon mehr. Erst recht nicht eines, das vielleicht doppelt so alt ist wie sein Besitzer.

2. Eine Nummer muss her

Doch noch bevor man loslegt, die Flohmärkte zu durchstöbern, braucht es etwas ganz Grundsätzliches, eine Festnetznummer. Die ist in Zeiten, wo es bei 82 Millionen Deutschen nur noch 38 Mio. Festnetzanschlüsse gibt, gar nicht mehr so selbstverständlich.

Die gute Nachricht: Man kann noch echte Einzelverträge abschließen, muss also nicht seinen Internet-Vertrag wechseln. 9,99€ kostet das im Monat. Bei diesem Service, den Vodafone anbietet, läuft das Ganze über eine mitgelieferte Anschlussbox, welche sich ins Mobilfunknetz einwählt. Wer diese Option möchte, kann direkt zu Punkt 4 weiterspringen. Wer schon eine Festnetznummer hat oder aus Nostalgiegründen über die alte Kupferleitung telefonieren will, muss noch etwas anderes tun.

3. Die TAE-Dose

Hinter der Fußleiste liegen nur rote Drähte mit schwarzen Streifen? In dem Fall braucht es a) eine TAE-Dose, an der man b) einen normalen Router anschließt. Doch kein Problem, es braucht nur eine sogenannte NFN-codierte Dose (kostet keine zehn Euro im Baumarkt) und man benötigt auch nur zwei der vier roten Drähte. Das kann jeder, der einen Router einrichten kann.

Allerdings: Es kann durchaus möglich sein – etwa, wenn man bisher alles über den Kabelanschluss abwickelte – dass die Dose selbst nun keine Verbindung ins Netz hat, sie ist nicht freigeschaltet. In dem Fall muss man die Telekom anrufen.

4. Das Telefon

Jetzt ist der große Augenblick gekommen, man darf sich nach einem passenden Wählscheibentelefon umsehen. Im Prinzip ist es dabei gleich, welchen Apparat der alten Baureihen man sich besorgt, sie alle arbeiteten nach dem gleichen Prinzip. Allerdings sollte man sich, der Ersatzteilversorgung wegen, auf die großen westdeutschen Baureihen FeTAp-61 und FeTAp-79. Und es empfiehlt sich dringend, wenn man die Möglichkeit hat, gleich noch ein, zwei Stücke der gleichen Baureihe dazu zu kaufen – als Ersatzteilträger, damit man, wenn etwas kaputt sein sollte, nicht lange nach Teilen fahnden muss.

Dann beginnt man, am Küchentisch, mit Basis-Werkzeugen, guter Beleuchtung und einem Frottee-Handtuch als Unterlage, damit nichts wegrollen kann, mit der Aufarbeitung des alten Apparats – schon weil sich darin eine Menge Staub befinden wird und man ja auch an die Hygiene denken sollte. Auch das ist kein Hexenwerk. Die Technik ist analog-einfach. Jeder, der schon mal ein Smartphone-Display gewechselt hat, schafft das spielend.

Ist alles mit Pinsel, Staubsauger und bei den Kunststoffteilen mit einer Schüssel voll Spülmittel-Wasser gereinigt und der Apparat wieder zusammengebaut, wird es spannend. Denn jetzt wird man auch feststellen, ob das Gerät die vielen Jahre der Lagerung irgendwo auf dem Dachboden gut überstanden hat.

5. Der Anschluss

Ganz einfach erklärt: Es ist notwendig, ein vollanaloges Telefon so sprechen zu lassen, dass eine durchdigitalisierte Schaltungswelt es versteht. Das geht aus den erwähnten Gründen immer über den Router. Das Problem daran ist jedoch, dass viele davon sich weigern, auf diese Weise zu kommunizieren. Als recht resistent haben sich hier in der Vergangenheit neue Fritzboxen erwiesen. Bei denen sperrt sich häufig die Firmware gegen den Anschluss. Im Zweifelsfall sollte man, bevor man Anschlussversuche wagt, sich mit der Nummer seines Routers, seiner Firmware-Version und der Baureihenbezeichnung des Telefons ins Netz begeben und dort prüfen, ob und was möglich ist. Oft genug hilft es schon, eine andere Firmware aufzuspielen. Mit Glück kann man sich auch dadurch helfen, dass man sich eine ältere impulswahltaugliche Fritzbox für kleines Geld gebraucht besorgt und dieses als Zwischenstück an den eigentlichen Router anschließt – kompliziert zwar, aber einfacher geht es leider nicht. Und man kann nur ausprobieren.

Doch immer benötigt man als Mindestmaß für den Anschluss einen Adapterstecker, welcher den zum Telefon gehörigen TAE-Anschluss auf das heute gängige RJ-Maß umpolt. Nächstes Problem: Es gibt mehrere RJ-Stecker, bei modernen Routern kommt häufig eine Kombination aus RJ-11 und RJ-45 zum Einsatz, fürs Telefon braucht man den RJ-11. Ergo: Ein Adapter TAE auf RJ-11, bitte. Dann Telefon und Router verbinden und einfach mal ausprobieren. Es klappt? Perfekt.

Falls nicht, braucht es einen weiteren Konverter. Nachdem in den 1980ern das Impulswahlverfahren langsam durch das Mehrfrequenzwahlverfahren MFV erst ergänzt, dann schließlich ersetzt wurde, funktionieren – primär – auch alle heutigen Telefone nach diesem Prinzip. Dabei ist jeder Nummer ein bestimmter Ton zugeordnet – daran erkennt die Hotline-Warteschleife bspw. ob man „die 1, um mit unseren Mitarbeitern zu sprechen“ gewählt hat. Und damit wiederum kann praktisch jeder Router etwas anfangen.

Dazu braucht es nun einen sogenannten IWV-MFV Konverter. Der wandelt die kleinen Spannungsimpulse des Impulswahlverfahrens in Mehrfrequenztöne um und speist diese in den Router ein. Funktioniert fast immer, benötigt allerdings eine eigene Stromversorgung und kostet mindestens 50 Euro. In diesem Fall sieht die Anschlusskette folgendermaßen aus:

Telefon -> TAE-RJ-Konverter -> IWV-MFV-Konverter -> Router-Modem-Kombination -> TAE-Dose/Kabelanschluss/Mobilfunknetz.

Ja, klingt etwas kompliziert und man sollte vielleicht passend zum alten Telefon auch ein wandmontiertes Telefonschränkchen kaufen, in dessen Inneren man all die Stecker verstaut. Dafür bekommt man jedoch das kultige Gefühl, wieder wie zu Omas Zeiten zu telefonieren – garantiert ohne jegliche Zusatzfunktionen und mit der auf dem Zettel in der Wählscheibenmitte Kuli-notierten eigenen Rufnummer.

Bildquelle:

Bild 1: Pixabay.com © weareaway

Bild 2: unsplash.com© Pavan Trikutam

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